Helge Gerdes, Autor der Tourenwagen Story
05.03.10
Das alte Europa
Alles ist wohlgeordnet. Die Geranien auf dem Balkon haben am Vorabend schon Wasser bekommen und sind zur Feier des Tages Substral-Dünger-gedopt. Der italienische Kaffeevollautomat „Impressa“ brüht brasilianischen Hochland-Kaffee. Das urdeutsche Auto steht vollgetankt, frisch bis unter die Velour-Fußmatten gesaugt und hochglanzpoliert in der gekehrten Garageneinfahrt. Das Mercedes-Sitzkissen (oder – je nach Neigung – das Audi-Winkelement), im restlichen Jahr fein säuberlich neben den Modellautos im Sammlermaßstab 1:43 geparkt, liegt bereit. Thermoskanne, DTM-Cap „Hightech“ mit Logo-Stickerei und das Autogramm-Booklet direkt daneben. DTM-Sonntag. Auf geht’s zum Saisonfinale. Hockenheim, Südkurve. Die gleichen Freunde, der gleiche Platz wie jedes Jahr.Doch: halt! Stopp! Das soll jetzt nicht mehr möglich sein? Das Finale zum ersten Mal in diesem Jahrtausend nicht im Badischen? Sondern in ... in ... China? Schanghai? Doch es kann nicht sein, was nicht sein darf. Das Fanherz ist gebrochen. Es wird telefoniert, gemailt, gefaxt. Eingaben werden gemacht. Denn es geht ein Sturm der Entrüstung durch DTM-Deutschland.
Die Verheißung all jener: das jähe Ende der DTM. So wie damals die ITC auf dem Weg zur motorsportlichen Weltherrschaft scheiterte, so scheitert auch sie – geht es nach den Einschätzungen dieser DTM-Ultras. Ist dem aber nun wirklich so? Ist der Schritt ins Reich der Mitte so fatal? Oder doch ein Modell mit Zukunft? Die Vorzeichen haben sich im Vergleich zum ITC-Exitus 1996 jedenfalls gewandelt.
Der rote Drache erhebt sich und reibt sich die Augen. Er hat die Jahrzehnte Mao-Kommunismus seit dem zweiten Weltkrieg wirtschaftlich verschlafen. Doch der Aufstieg der Volksökonomie schreitet rasant voran. Das mit 1,3 Milliarden Menschen bevölkerungsreichste Land der Erde hat mit Reformen für die Reduzierung der extremen Armut gesorgt. Lebten vor 30 Jahren mehr als 50 Prozent der Chinesen unterhalb des Existenzminimums, sind es derzeit nur noch acht von hundert. Der Handel – vor allem mit Südamerika – floriert. Die Produktivität wächst, der Wohlstand auch. Mit dem Wohlstand kommt der Konsum. Hier steckt das Potenzial eines noch ungesättigten Marktes. Für die europäischen Automobilhersteller wächst sich in ihren bisherigen Kernmärkten nach dem Abwrackprämien-Hoch dagegen die eigene Produktionsleistung angesichts immer weniger Käufer womöglich zur existentiellen Bedrohung aus. Das politische Amerika spottet noch über das „alte Europa“ ohne – so scheint es – recht erkannt zu haben, dass es selbst noch viel älter aussieht. Denn China besitzt eine ausreichende Menge an US-Staatsanleihen, um mit einem Fingerschnipp die dortige Staatswirtschaft zu ruinieren. Ergo: Der Global Player von heute sollte die neuen Märkte im Fernen Osten schnell erobern. Um auch ein Global Player von morgen zu sein.
Und Motorsport ist die ideale Plattform. Seitdem Automobile gebaut werden, wird technische Kompetenz im Wettbewerb bewiesen. Keine andere Sportart wird derart stark mit der Leistungsfähigkeit von Produkten verbunden wie der Automobilrennsport. Emotionale Bindung von Kunden, Imagebildung – Paradedisziplinen von Motorsport. Die DTM wagt nach dem Einladungsrennen 2004 in Schanghai bereits zum zweiten Mal den Weg ins Reich der Mitte, um ein Rennen auszutragen. Der deutsche Automobilhersteller Volkswagen hat dort im vergangenen Jahr seinen Scirocco-Cup etabliert, noch bevor im Heimatland der Scirocco R-Cup 2010 als DTM-Partnerserie an den Start gebracht wird. In Argentinien – einem der wichtigsten Handelspartner Chinas – hat VW auch dank der „Dakar“-Erfolge sich zum Marktführer gemausert und genießt den Ruf, solide und zuverlässige Autos zu bauen. Dem Motorsport sei Dank. Europa kann nicht mehr ohne China, nicht ohne Südamerika. Und umgekehrt. Denn dort fehlt es an Know-how, an der Ingenieursleistung. Ganze Retorten-Städte wie die Lingang New City für eine Dreiviertelmillion Menschen entstehen in China derzeit unter der Leitung deutscher Architekten. Aus „Made in Germany“ wird „Made with Germany“.
Und unsere heile, wohlgeordnete Welt? Der südamerikanische Hochland-Kaffee ist längst das Lebenselixier des europäischen Lifestyle. Der Kaffeevollautomat – wie das urdeutsche Auto aus chinesischen Rohstoffen, aus chinesischem Aluminium und Stahl gefertigt. Das Merchandising – in China ebenso produziert wie die Modellauto-Sammlung, die dazu auch dort entwickelt wird. Spielzeug, Unterhaltungselektronik – China ist längst in deutschen Wohnzimmern angekommen. China darf nicht belächelt werden. China ist eine Macht. Doch überrollt hat der rote Drache Europa noch lange nicht. Man darf sich nur nicht zu lange verschlafen die Augen reiben.
China ist die Zukunft von Audi, von Mercedes-Benz und anderen deutschen und europäischen Automobilherstellen. Was vor diesem Hintergrund die Planung des DTM-Finales in Schanghai ist? Ganz sicher eines: Klug.









Der Autor Helge Gerdes, 34, ist seit dem Jahr 2000 permanenter journalistischer Begleiter der DTM. Seine Beiträge lieferte der gelernte Architekt bis 2004 als Co-Autor der „Formel Story“ und seit 2005 als Autor der „Tourenwagen Story“. 2009 veröffentlichte der gebürtige Kölner sein emotional geschildertes Buch „Triumph einer Vision“ zur Rallye Dakar 2009. 